Das Gesicht nicht verlieren

Ich habe Urlaub. Das ist schön. Vor allem ruhig. Heute geht’s wohl mal zum Weihnachtsmarkt. Mittags, weil es da noch nicht so voll ist. Also eigentlich kein Grund, hier etwas zu schreiben. Aber wenn ich beruflichen Leerlauf habe denke ich trotzdem x-mal am Tag an den Job. Nicht bewusst, manch einer würde jetzt behaupten, ich könne nicht abschalten. Ja, aber Gedanken kommen halt mal, die kann man nicht immer, eigentlich fast nie bewusst steuern. ( denkt jetzt mal bitte nicht an einen rosa Elefanten – DAS war jetzt mal bewusst gesteuert ).

Also in meinen Gedanken, die sich so über den Tag verteilen ist auch ab und an was von Arbeit drin. Auch über diesen Blog hier, an den – und daran, was ich in der Freizeit über Arbeit schreiben könnte, damit er nicht so ‚leer‘ bleibt denke ich ab und an. ( kann man sich eigentlich vornehmen an etwas NICHT zu denken ? ). Und da gibt es dann doch so einen gewissen roten Faden in meiner Berufszeit, über den es sich zu schreiben lohnt: das Nicht-das-Gesicht-verlieren. Das ist jetzt auch mal nichts branchenspezifisches, das gilt denke ich fast überall.

Was ich damit meine ? Ich glaube ich hab den Begriff aus dem japanischen, genauer gesagt aus einem Film ( „die Wiege der Sonne“ ). In diesem Film ( mit Sean Connery mal nicht als James Bond sondern als US-Sonderermittler im japanischen Konzernumfeld der frühen 90-er Jahre ) sind einige Aspekte des Umgangs miteinander pointiert verarbeitet. Unter anderem, dass man Personen nicht vor anderen zurechtweist, um ihr Ansehen nicht zu beschädigen. Natürlich ist das eine ideelle Idee, aber ich glaube schon, dass dieser Aspekt in Fernost im beruflichen Umgang miteinander auch in Echt eine Rolle spielt.

Warum mir so etwas „nachhängt“: weil ich es „später“ ( der Film ist schon etwas älter ) öfter negativ erlebt habe. Weniger an mir selbst sondern mehr in Situationen mit Kollegen. Und so etwas trifft einen zentralen Nerv bei mir: dem respektvollen Umgang miteinander. Welcher doch eigentlich selbstverständlich sein sollte. In deutschen Firmen ist das aber – eigene Erfahrung – gerade bei manchen Chefs – keine Zielvorstellung. Man kann sich ja mal aus einer ärgerlichen Situation heraus aufregen und dann verbal um sich schlagen. Aber das sind Ausrutscher. Und gerade Führungspersonal MUSS meiner Meinung nach hier sensibilisiert sein. Wie kann ich von einem Mitarbeiter später volle Leistung erwarten, wenn ich „der situativen Versuchung“ unterliege, seine Fehler vor anderen breitzutreten ?

Ich kann mich da an ein exemplarisches Beispiel mit Vorsatz erinnern: ein damaliger Teamleiter in der IT hatte eine Besprechung angesetzt. Vordergründig ging es darum, ein Problem mit Einkaufsstammdaten mit dem Team Stammdaten zu besprechen ( Stammdaten sind langlebige Daten wie z.B. Adressen von Lieferanten – diese sollen möglichst nur 1x im System hinterlegt werden und dann bei späteren Buchungen zu Geschäftsvorgängen immer an zentraler Stelle nachgelesen werden ). Jedenfalls waren von ‚unserem‘ Team drei Leute eingeladen und gekommen und vom Stammdatenteam die Teamleiterin. Und dann ging es los: mein Kollege sollte erklären, wie er sich das mit der Be-/Verarbeitung von Stammdaten für Prozess xy denn so gedacht hat. Der Kollege hatte sich schon was gedacht, das war aber recht offensichtlich lückenhaft. Und was macht mein damaliger Teamleiter ? Er stellt immer weitere Fragen, bewusst zu den Lücken. Und wird dabei immer „zudringlicher“ – „..ja, du hast doch selbst gesehen, dass hier die Daten nicht richtig gespeichert werden, warum hast du das denn nicht anpassen lassen.. „. Der Kollege hat etwas hilflos rumgestammelt, der Teamleiter hat sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und tief durchgeatmet. Und „hilflos“ die Teamleiterin vom Stammdatenteam angeschaut. Nonverbal hat er ihr zugerufen: „da siehst du mal, mit was für Idioten ich mich rumschlagen muss“. Sowas passiert. Der Kollege war hinterher total fertig. War ja nicht das erste Mal, der Teamleiter hatte ihn schon länger auf dem Kieker. Der Kollege hat mir später mal erzählt, dass er sich Hilfe bei einen professionellen Coach gesucht hat. Weil er sich nicht helfen/wehren konnte. Und noch einiges später hat er gekündigt. Der Teamleiter war zufrieden. Er – der Teamleiter – hat mich abends mal angesprochen und gefragt, ob ich noch eine Idee habe, wie man verhindern könne dass besagter Kollege so gravierende Fehler macht. Die ja auf ihn – den Teamleiter – wieder zurückfallen.

Eine andere Szene: besagter Teamleiter sitzt in einer Schulung mit ca. 20 Mann hinten. Ein Kollege aus seinem Team hält die Schulung. Und erzählt zu einem Thema einen falschen Zusammenhang zwischen Daten. Zumindest einen technisch nicht korrekten. Aber wir sind ja in der IT, da ist technische Korrektheit schon wichtig, Fuzzy-Logic hat sich nie durchgesetzt. Und wie reagiert der Teamleiter damals ? Er sitzt da hinten und schüttelt die ganze Zeit den Kopf, vergräbt irgendwann den Kopf in den Händen. Er saß hinten – die Leute vorne haben das nicht gesehen, die hinteren wohl. Nun kann sein Verhalten ja mit was anderem als dem Schulungsvortrag zusammengehängt haben. Hat es aber nicht. Der Kollege, welcher die Schulung hielt – es war ein älterer Kollege – erzählte mir später, er habe den Mut gehabt und dem Teamleiter unter vier Augen gesagt, was er von dessen Reaktion gehalten hat.

Noch einiges später meinte besagter Teamleiter mal zu mir, wenn er mit seinem Verhalten über die Stränge schlage solle man ihn am besten direkt darauf hinweisen, er merke das oft gar nicht. Was soll man dazu sagen ? Und da bin ich wieder bei dem eingangs zitierten Film: der Sonderermittler stellt einer Gruppe von Leuten in der Firma eine Frage – und bekommt keine Antwort. Weil mit einer ehrlichen Antwort ein Gruppenmitglied bloßgestellt worden wäre. Vor der Gruppe, wohlbemerkt. Damals, als ich den Film gesehen habe war das für mich ein Ahs-Effekt, sowas hat mir auf der Uni keiner beigebracht. Natürlich hat der Film übertrieben, aber ich habe etwas daraus mitgenommen.

Und bin froh, dass ich mittlerweile in einer Firma gelandet bin, wo genau der Respekt untereinander nicht nur auf Plakaten steht sondern auch wirklich gelebt wird. Natürlich gibt es auch da Extremsituationen, in denen einer mal ausrutscht. Aber das wird dann auch konsequent direkt wieder geradegerückt. GERADE, wenn eine Eskalation vor Publikum stattfindet. Und von oben nach unten ist man sehr besonnen, Arbeitskräfte sind know-how-Träger und nicht nur Kostenfaktoren. Es geht. Echt.

Ich wünsche mit oder trotz diesen Beitrags eine schöne Vorweihnachtswoche. Respekt ist sooo wichtig. Nicht nur vor Weihnachten.

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6 Kommentare zu „Das Gesicht nicht verlieren

  1. “ er merke das oft gar nicht. Was soll man dazu sagen ?“
    In vielen Fällen werden Führungskräfte nicht richtig auf die zusätzliche Aufgabe Mitarbeiterführung vorbereitet. Denn es kann eben nicht jeder von Haus aus mit entsprechender Sensibilität reagieren.

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    1. Ja, da hast du recht. Als ich die Firma verließ hat die Geschäftsführung auf Anraten des Betriebsrates einen Psychologen engagiert, welcher das Team wieder graderücken sollte. Hat wohl auch einigermaßen funktioniert, was ich so gehört habe. Trotzdem finde ich es merkwürdig, dass jemand der von Haus aus recht talentfrei als Führungskraft ist die Aufgabe als solche bekommt. Der Mann war fachlich wirklich extrem gut, behandelte aber sein komplettes Team nach dem Motto „wenn ich nur genug Zeit für alles hätte bräuchte ich Euch gar nicht“. Mittlerweile habe ich aber auch gelernt: wo ich früher mal dachte “ das muss Person xy doch selbst merken, dass das so gerade nicht geht“ weiß ich mittlerweile: weder ich noch andere sind uns immer über unsere Aussenwirkung bewusst. Frage ist dann halt, was der geeignete Moment/Rahmen ist, um von anderen „korrigiert“ zu werden.

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  2. Wertschätzung, Anerkennung und Respekt brauchen wir alle. Ich wünsche es mir von meiner Vorgesetzten ebenso wie von meinen Kollegen. In einem guten Arbeitsklima arbeiten die meisten Menschen deutlich produktiver und kreativer. Ich hatte mal einen hochgradig cholerischen Chef, der regelmäßig Ausraster hatten. Trotzdem mochten wir ihn alle gern, denn er behandelte uns freundlich und respektvoll und verhielt sich grade schwachen Mitarbeitern (chronisch kranken z. B.) gegenüber sehr verständnisvoll. Da konnten wir ihm seine „5 Minuten“ leicht nachsehen. Aber nicht nur im Arbeitsleben finde ich es wichtig, andere Menschen respektvoll zu behandeln. Das beginnt schon damit, dass man nicht genervt seufzt und die Augen verdreht, wenn eine alte Dame im Supermarkt wieder mal gefühlte Ewigkeiten braucht um zu bezahlen.
    Wer am Arbeitsplatz keinen Respekt zeigt, tut dies auch meist im Privaten nicht. Wie gut, dass Du jetzt in einer anderen Firma arbeitest.

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  3. Liebendes ittagebuch

    „…kann man sich eigentlich vornehmen an etwas NICHT zu denken?°
    Ja denn der Wille ist der König im Wesen des Menschen

    „Die Ästhetik der Wahrhaftigkeit“
    Die Person als Maske
    Dahinter ein Gesicht der Angst vor Verlust des Ansehens
    Darunter das leuchtende Antlitz der Liebe

    dankend
    Dir Joaquim von Herzen

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