Donnerstag – jedem seine Insel

Gestern war ein stressiger Tag – für den externen Teilprojektleiter. Merkwürdig, obwohl er uns nach Weihnachten verlässt ( so nach 3 Jahren Projektlaufzeit kann man sich ja mal so langsam von externen Beratern trennen ) tatsächlich verlässt, zeigt er nochmal zum Schluss „vollen Einsatz“. Was ich jetzt noch nicht einmal ironisch meine. Er versucht noch mit viel Energie einige Themen fertigzubringen oder noch anzuschieben. Es geht eben auch darum, dass Themen nicht liegengelassen werden, weil sich keiner mehr richtig drum kümmert. Wobei Dringlichkeit und Wichtigkeit recht subjektiv gesehen werden können. Es gibt wahrscheinlich in jeder Abteilung in jeder Firma dieser Welt „OP-Listen“, in denen sich Wünsche und Anforderungen oder Mißstände über Monate immer weiter schieben. Also eigentlich wollte er nochmal an den bekannten Punkten weiter „rumkoordinieren“. Aber es kam anders.

Gestern – ich bekam es erst gegen Mittag mit – kamen scheinbar die ersten Auswirkungen vom Weihnachtsgeschäft in der IT an. Das Bestellvolumen ist höher als sonst, also steigen auch die Verarbeitungszeiten der Programme an. Und die „Performance“ der auf den Servern laufenden Automatikprogramme ist ja gerade ein Augapfel von Kollege Teilprojektleiter. Er ist schon vor Monaten durch das Büro getanzt und hat gepredigt, dass das System auch bei höherer Last nicht in die Knie gehen darf. Es gibt ja ein eigenes kleines Team, welches sich mit der Größe, Verfügbarkeit und Auslastung der „Ressourcen“ beschäftigt. Programme brauchen Speicherplatz, noch mehr Programme brauchen noch mehr Speicherplatz und die bei uns laufenden zahllosen datenändernden Programme im System über die Server brauchen eben unheimlich viel Speicherplatz. Und zwar auf allen Servern/Systemen. Das Team, welches die Server direkt betreut winkt auch immer bei Bedenken erst mal ab – schließlich sind die Server schon größer ausgelegt als bei vergleichbaren Schwesterunternehmen. Wobei „vergleichbar“ immer gefährlich ist – in der ‚Komplexität‘ von heutigen IT-Landschaften ist selten überhaupt irgendwas vergleichbar. Das ist so wie wenn man einen BMW und einen Mercedes mit – sagen wir mal 200 PS Leistung – vergleicht. Beides sind Autos, beide fahren und die Motoren haben nach irgendwelchen Regeln gemessen die gleiche Leistung. Und trotzdem kommt es drauf an, ob es Benziner oder Diesel, Automatik- oder Schaltgetriebe usw. usf. sind.

Naja, jedenfalls – zumindest erst mal die erste Vermutung – hat die größere Zahl an Vorweihnachtsbestellungen dazu geführt, dass die Berechnung der Lieferungen für den Versand länger als sonst dauerte. Erheblich länger. Statt ner halben Stunde bis zu zwei Stunden. Dadurch verschiebt sich aber die ganze Abwicklung in den Lägern. Und das ist RICHTIG übel. Da stehen schließlich Menschen dahinter, die in Schichten arbeiten. Und LKWs, die rechtzeitig bei Kunden sein wollen. Das muss ja alles irgendwie passen. Und wenn es „von vorne“ = bei der Berechnung von Lieferungen nicht passt wird es hinten raus eng. Da nun fast stündlich über den Tag solche Lieferungsberechnungen laufen gibt es bei Problemen stündlich Spannung. Man macht und tut, beobachtet, fabuliert, diskutiert und probiert, recherchiert und simuliert um dann mit Ablauf der folgenden Stunde gebannt dem Server beim Rechnen zuzugucken. Haben die geänderten Parameter die erwünschte Wirkung ? Der erste Programmlauf läuft an… 100 Sekunden, 200 Sekunden.. soweit so normal.. 300, 400, 500, 600 – ab dann weiß man so langsam, dass es ungewöhnlich lange läuft. 700 Sekunden. 800. 900. So langsam steigt Panik auf. Abbrechen ? Weiterlaufen lassen ? Wenn möglich macht man Datenbankabfragen um rauszubekommen, wie viele Daten noch verarbeitet werden müssen. Blöd nur, wenn die Daten erst nach Ende der ganzen Berechnungen auf der Datenbank weggeschrieben werden. 1000 Sekunden. Jetzt wird es definitiv langsam kritisch. Und das ist erst das erste von mehreren Programmen. 1100. 1200. Die Angst steigt. Schafft der Server es überhaupt oder hat sich das Programm aufgehängt ? Bei etwas über 1800 Sekunden ist das erste Programm endlich fertig. Spätestens jetzt ist es gewiss: die Performance ist viiieeel zu schlecht. Es wird nach weiteren Maßnahmen gesucht. Projektleitung und IT-Leitung kommen vorbei. Es wird angespannt diskutiert.

Ich sitze die ganze Zeit daneben, kann aber nichts tun, weil ich mich mit den Betroffenen Programmen/Prozessen nicht auskenne. Der Teamleiter des Serverteams ist schon etwas länger da. Was kann man tun? wird ständig gefragt. Man beobachtet weiter die Zeitdauer der weiteren Programme. Zeit für eine „Eskalation“. Mit dem Dienstleister wurde morgens schon telefoniert. Jetzt wird ein Prio-hoch-Fall beim softwarehersteller gemeldet. Der Versand bzw. die Läger wissen ja schon seit morgens, dass etwas nicht richtig läuft. Daher wird getan was möglich ist um das Problem zu beheben. Es wird nach Ursachen gesucht. Ein bisschen ist das wie bei Apollo 13, als die Triebwerke ausgefallen sind. Am Boden wurde fieberhaft nach Lösungen gesucht – je weiter die Umlaufbahn verlassen wurde, desto kritischer wurde die Situation der Rückkehr für die Astronauten. Und dazwischen der Teilprojektleiter, der langsam richtig schwitzt.

Um es abzukürzen: die Lösung für die Langsamkeit der Programme wurde im Lauf des Tages gefunden. Ein anderes großes Programm hat wohl dafür gesorgt, dass eine „Schnittstelle“ zwischen zwei Servern bzw. Systemen nicht mehr richtig funktioniert.

Ich sitze auf meiner Insel. Mit meinen Aufgaben und meinen Problemen. Und kucke rüber zur anderen Insel, wo grade der Sturm tobt. Aber rüberschwimmen bringt auch nichts, ich kann den Sturm nicht beschwichtigen.

Der Teilprojektleiter ist noch bis spät abends im Büro. Ich glaube er ist jetzt doch froh, dass er im neuen Jahr woanders ist. So eine Situation macht keiner gerne mit. Mein Mitleid hält sich etwas in Grenzen, nachdem der Mann in den letzten Tagen sehr nervig war. Das ist gemein, aber ich wurde ja noch nicht mal wegen Hilfe gefragt.

Auf anderen Inseln gibt es auch immer Probleme. Und die Größe der Inseln ist Definitionssache – der eigene Arbeitsplatz, das Team, das Projekt, die Abteilung. Je nachdem, wie man das sehen möchte.

Nächste Woche habe ich übrigens Urlaub. Gott sei Dank. Das Problem mit der Performance ist zwar behoben, aber jetzt muss jeden Tag in den kommenden Tagen und am Wochenende intensiv kontrolliert werden, was die Programme auf den Servern so machen. wobei es jetzt ja keine Probleme mehr gibt, nachdem das andere große Programm gestoppt wurde und einiges an der Schnittstelle zurückgefahren und sozusagen rebootet wurde. Es ist aber trotzdem alles sehr komplex. Ich freu mich schon aufs Wochenende……

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2 Kommentare zu „Donnerstag – jedem seine Insel

  1. Ich finde sehr interessant, was Du schreibst. Ich habe schon oft bedauert, dass wir meist so wenig von anderen Berufen wissen. Auch weil sie sich auf rasante Weise ausdifferenzieren, so dass nur ein sehr ungefähres Bild für jeweilige Laien entsteht. Dennoch verstehe ich unglaublich wenig von Deinen Texten – ein Prio-hoch-Fall beim Softwarehersteller zum Beispiel, ich meine: hä? Auswirkungen von Weihnachten auf IT – das ist etwas, worüber ich noch nie nachgedacht habe. Klar – aber, wie jetzt eigentlich genau? Oder: was machst Du da wirklich und wo und was kann schief gehen? Nicht so interessant finde ich, wie Du Dich an Kollegen abarbeitest. Weil – hm, jede/r hat diese Kolleg/innen und am Ende braucht es eine Art Strategie oder grundsätzliche Umsicht, mit diesen Leuten umzugehen. JA, die verschiedenen Sichtweisen sind unbedingt spannend, und machen eben auch das Gefüge in den jeweiligen Teams aus, doch lästern ist im Grunde nur lustig, wenn man die Leute auch kennt.

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    1. Schön, dass du meinen Beitrag interessant findest – es ist wie bei wohl nahezu jeder Tätigkeit schwierig, Situationen wirklich verständlich zu schildern. Das ist irgendwie wie „real“ und „Bild“ – hast du vielleicht mal ein Foto von einem ’steilen‘ Hang gesehen ? Wenn man in echt vor nem Berg oder nem Hang steht oder diesen hochklettert dann sieht die Steilheit des Hangs auf nem Foto gegenüber der Realität immer total harmlos aus. Naja und irgendwie hat mein Blog ja auch kein „konkretes Ziel“. Ich schreibe so, wie es mir einfällt. Ob das viele Leute lesen ( wollen ), weiß ich nicht. Es ist mir nicht ganz egal, aber ich habe als Leser eher aussenstehende vor Augen, für die ich so ein bisschen persönliche ‚Sendung mit der Maus‘ schreibe. Was mich dazu antreibt ? Ich denke oft empfundenes Unverständnis für mich und meine Arbeit. Natürlich ist Technik und Wissen wichtig, aber – zumindest für mich – macht der Umgang mit und zwischen Kollegen meist die größere Spannung gegenüber den eigentlichen Themen aus. Die „Vorstellung“ oder Beschreibung der einzelnen Kollegen wäre aber eher für den Umfang eines Buches als für einen Blog passend. Und letztendlich fühle ich mich verpflichtet weit genug zu anonymisieren, damit – falls irgendwann mal ein Chef von mir den Blog lesen sollte – das nicht so aussieht, als wollte ich der Firma schaden. Aber ich werde mir deine Gedanken zu Herzen nehmen.

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